So wahr sie Gott helfen

Ausländische Priester sind in keiner Diözese eine Seltenheit, die Herausforderungen der Kirche können sie aber nur kurzfristig lösen.

An einem kalten Dezembermorgen schlängelt sich ein Auto nach dem anderen auf den Parkplatz des Formel-1-Rings in Spielberg. Dabei liegt der Ring heute still, die Anreisenden wollen ganz woanders hin. Durch einen Tunnel unter der Rennstrecke hindurch und einen Serpentinenweg den Hang hinauf gelangen sie zur Pfarre Schönberg ob Knittelfeld.

In der kleinen Kapelle mit Zwiebeltürmchen steht Pfarrer Bartlomiej Lukasz Wojtyczka hinter dem Altar. Um 8.30 Uhr in der Früh haben sich rund 50 Gläubige in der Kirche eingefunden und lauschen seiner Predigt. Lediglich die beheizten Sitzauflagen helfen, der Kälte zu trotzen. Dann kommen die Fürbitten: “Wir bitten für die beiden Präsidentschaftskandidaten, für die Wähler und für die Menschen, die mit der Durchführung der Wahl beauftragt sind”, sagt Wojtyczka ernst. “Wir bitten dich, erhöre uns!”, antwortet die Gemeinde.

Wojtyczka stammt ursprünglich aus Katowice, hat sich aber in den vergangenen 15 Jahren in Österreich eingelebt. Er ist keine Ausnahme: In den Diözesen und Orden Österreichs spielen ausländische Priester eine wichtige Rolle. In manchen Gemeinden ist es eine willkommene Hilfe, um die Arbeit der Pfarren zu erfüllen, andere sagen, die Kirche als internationale Organisation lebe schlichtweg vom Austausch. Eines jedoch ist klar: Würden die nicht aus Österreich stammenden Priester gemeinsam ihre Koffer packen, hätten viele Gemeinden ein Problem.

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Pfarrer Bartlomiej Lukasz Wojtyczka leitet den Gottesdienst in der kleinen obersteirischen Pfarre Schönberg ob Knittelfeld

 

Der gesamtösterreichische Blick gibt Aufschluss über die Anzahl der Priester im Bundesgebiet. Einfach ist es aber nicht, herauszufinden, woher die Geistlichen kommen. Priester aus nicht-österreichischen Diözesen sind zwar noch leicht zu finden, doch welche Staatsbürgerschaft Priester von Diözesen besitzen, wird nicht erfasst. Eines ist aber festzustellen: Während die Zahl der Diözesanpriester von 2407 im Jahr 2005 auf 2186 im Jahr 2014 sank, ging jene der Weltpriester, die in Österreich wirken, aber aus ausländischen Diözesen stammen, nur von 350 auf 347 zurück. Dazu kommen noch rund 1500 Ordenspriester aus dem In- und Ausland, sie werden aber gesondert erfasst.

Ausländische Orden profitieren vom Austausch

Lukasz Wojtyczka hält sich in der Statistik versteckt. “Die meisten sind schon etliche Jahre Priester, wenn sie nach Österreich kommen”, erzählt er. Sein eigener Weg nach Spielberg war verworrener. Für den 37-jährigen Polen war es zunächst gar nicht klar, dass er Priester werden würde. In der Schulzeit brachten ihn seine Neugierde und sein Interesse an Sprachen dazu, sich intensiv mit Englisch zu beschäftigen, er überlegte, Englischlehrer zu werden.

Seine Familie war “durchschnittlich fromm”, nicht streng katholisch. Noch in der Schule begann er dann, sich für Franz von Assisi zu begeistern, und trat schließlich nach der Schule in den Franziskanerorden ein. Als ein Pfarrer aus den USA zu Besuch in seine Pfarre kam, wurde er vom Leiter der Ordensprovinz gebeten, ihn wegen seiner Sprachkenntnisse zu begleiten. Von seinen Fähigkeiten begeistert, fragte ihn der Provinzial, ob er denn nicht auch so gut Deutsch lernen könnte.

Er wusste von Ordensprovinzen in Österreich und Deutschland, die zu wenige Leute hatten, um die Klöster zu besetzen. “Dann steht man natürlich vor der Entscheidung: Schließen wir die Pfarre? Oder wir müssen Leute finden, die hier leben und die Pfarre betreuen”, sagt Wojtyczka. Der Austausch war ein Gewinn für beide Seiten: Die österreichischen Provinzen konnten ihre Klöster weiter betreiben. Die polnischen Orden profitierten unter anderem dadurch, dass ein Teil des Gehalts in die Ordenskasse nach Polen fließt. Also machte sich der junge Wojtyczka im Jahr 2001 auf den Weg nach Graz.

In Österreich wird nicht gebeichtet

Nach dem Gottesdienst in Schönberg hat sich der Pfarrer umgezogen, seine violette Stola und das Messgewand abgelegt. Lediglich der kleine weiße Kragen im Hemd zeugt noch von seiner Berufung. Er steigt in sein Auto und fährt wenige hundert Meter zum nächsten Gasthof, wo er sich ein paar Tische neben den Kirchenbesuchern niederlässt. Dass er überhaupt Zeit dazu hat, ist eine Ausnahme. An den meisten Sonntagen wäre er jetzt schon unterwegs zum nächsten Gottesdienst in einer anderen der von ihm betreuten Pfarren.

Nachdem Wojtyczka nach Graz gekommen war, verbrachte er zwei Jahre im Orden, 2003 trat er dort aus und ging ins Priesterseminar. Sein Leben schien ihm zu sehr auf die Klostergemeinschaft mit ihren festen Gebetszeiten und fixen Mahlzeiten beschränkt. Der Wunsch nach Unabhängigkeit wurde stärker und die Bereitschaft, das Leben nach einem fixen Schema zu richten, schwand. “Wenn das nicht mehr da ist, muss man sich fragen: Was mache ich noch in einem Kloster?” Seine Antwort war einfach: Es verlassen. 2007 wurde Wojtyczka dann Priester der Diözese Graz-Seckau. Während seiner Studienzeit war neben der religiösen Ausbildung auch die Sprache ein wichtiger Faktor. Diese sieht er als die zentrale Voraussetzung für seine Arbeit. Aber auch ein kulturelles Verständnis und ein “geistliches Profil” – ein Wissen über die Unterschiede in der Seelsorgearbeit – seien wichtig.

Diese Unterschiede beschreibt auch Pfarrer Gabriel Kozuch. Der Slowake lebt in Andau im Burgenland und betreut mit einem Kaplan zusammen vier Pfarren. Der heute 44-Jährige wuchs in der kommunistischen Tschechoslowakei auf, seine katholischen Eltern waren im Untergrund tätig und publizierten illegal Texte über ihren Glauben. Nicht zuletzt dieser “Geschmack des Abenteuers” habe ihn zur Kirche gebracht, sagt er. Für ihn kommt es bei Priestern, ob aus Österreich oder aus dem Ausland, immer auf die Person an. “Es gibt Pfarrer, die aus dem Burgenland stammen und bei den Menschen nicht ankommen, es gibt Menschen, die von woanders her sind und ankommen”, so Kozuch. Er selbst sei “gekommen, um zu bleiben”, wie er sagt.

Die Diözese Eisenstadt hat ihm einen Deutschkurs vermittelt und während des Praktikums hat er zunächst viel zugesehen und versucht zu verstehen. Probleme gebe es, wenn die Priester nicht vorbereitet würden. “In der Slowakei geht man regelmäßig zur Beichte, hier in Andau macht das niemand. Wenn ein Priester aus Polen kommt und sich zu Weihnachten drei Stunden in den Beichtstuhl setzt und dann enttäuscht ist, wenn niemand kommt, muss man das erklären”, so Kozuch.

Für Kozuch und Wojtyczka war die Ausbildungszeit wichtig, um in die österreichische Kirche zu finden. Beide sind Mitglieder österreichischer Diözesen und scheinen daher in der Statistik nur als österreichische Diözesanpriester auf. Wojtyzcka ist somit einer von insgesamt 451 Priestern in der Steiermark, 276 davon sind der Diözese unterstellt und davon kommen wiederum 30 aus dem Ausland, sind also in einer anderen Diözese geweiht worden. Die Differenz machen Priester aus, die einem Orden unterstellt sind.

Immer weniger wollen Priester werden

Wojtyczka wurde nach mehreren Jahren als Praktikant und Kaplan in Köflach gebeten, in die Pfarre in Knittelfeld zu übersiedeln, nachdem sein Vorgänger die Pfarre überraschend verlassen hatte. Heute ist er mit einem weiteren Pfarrer, einem Kaplan sowie einem Pfarrer im Ruhestand für sechs Pfarren zuständig. Ein Pfarrer pro Pfarre – das ist in vielen Regionen mittlerweile selten.

Ist die Aktivität von ausländischen Pfarrern also ein Weg, den Mangel an Pfarrern in Österreich zu bekämpfen? “Öffentlich wird das nicht als Lösung genannt, aber wir haben jedes Jahr immer neue Priester in der Diözese, die die leeren Stellen bekommen”, meint Pfarrer Kozuch. In der Diözese Graz-Seckau betont Pressesprecher Martin Gsellmann allerdings: “Mit oder ohne Priestermangel gab es immer schon einen Austausch. Natürlich braucht man Priester, und es ist schön, wenn sie von überall her kommen. Man weiß, dass es in Polen sehr viele Priester gibt und bei uns weniger, das ist kein Geheimnis. In der Seelsorge muss man sich aber bereits um ganz andere Konzepte sorgen, die nicht darauf bauen, dass ein Priester in jeder kleinen Pfarre sein muss.”

Auch in Polen gehen Priesterweihen zurück

Claudiu Budãu ist in der Diözese Graz-Seckau mit der Begleitung ausländischer Priester in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft beauftragt. Etwa 30 Priester betreut er zurzeit, organisiert Sprachkurse, hilft bei Behördengängen oder bei der Krankenversicherung.

Der 34-Jährige stammt aus Rumänien, wo er in der Diözese Iasi zum Priester wurde, 2010 wurde er in die Steiermark geschickt und seit drei Jahren ist er offiziell Teil der Diözese. “Es war nie mein Wunsch, ins Ausland zu gehen”, erzählt er, der Grazer Bischof hätte aber angesucht und so hat er seine Reise angetreten. Vor einem Jahr wurde er vom Bischof gebeten, als Ansprechperson für ausländische Priester zu wirken.

“Den ‚ausländischen Priester‘ gibt es nicht”, sagt Budãu. “Die Personen kommen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, sind unterschiedlich geprägt und ausgebildet. Deswegen nehmen die einzelnen Gemeinden die neuen Priester aus dem Ausland auch verschieden auf, von sehr wohlwollend über ‚besser so einer als gar keiner‘ bis hin zu rigoroser Ablehnung”, so Budãu.

Eine Veränderung stellt er aber fest: Durch den steigenden Wohlstand der Gesellschaft und Änderungsprozessen in den Diözesen in Rumänien und Polen nehmen auch dort die Priesterweihen ab. “Man erlebt dort die gleiche Situation wie in Österreich vor 20, 30 Jahren”, sagt Budãu. Dennoch sind die Priester aus Österreich schwer wegzudenken. “Ich glaube, es ist allen bewusst, dass es ohne die Priester aus dem Ausland nicht mehr möglich ist, das bestehende Pfarrsystem aufrechtzuerhalten. Der bestehende Vorrat sichert uns aber auch keine traumhafte Zukunft. Wir stellen uns die Frage, wie lange das System noch erhalten werden kann.”

Ein Pfarrer muss mehrere Pfarren betreuen

Wojtyczka sieht es als komplexes Problem: “Der christliche Glaube lebt von der Gemeinschaft. Wir erleben eine Individualisierung der Gesellschaft, auf die die kirchlichen Strukturen nicht ausgelegt sind. Die Pfarrer waren früher bei jedem Sautreiben dabei, das hat die Gemeinde auch ausgemacht.” Doch gerade in kleinen Gemeinden ist das vorbei. Auf lange Sicht, sagt Wojtyczka, sei er nicht sicher, ob es sich verhindern lasse, Pfarren zu schließen. “Bei uns schließt man die Pfarren heute in Pfarrverbände zusammen. Nur: Die Pfarrverbände werden größer, es lässt sich nicht alles an Laien delegieren.” Wie so oft, wenn man heute über die Kirche spricht, kommt man schnell auf die großen Themen: Austritte, Strukturwandel, die Rolle von Laien und Priestern. Probleme, für die ausländische Priester nur eine Zwischenlösung sein können.

Nächsten Sonntag wird Wojtyczka wieder zwei Gottesdienste am Stück halten müssen, für ihn mittlerweile normal. Auch er passiert auf dem Heimweg den Red Bull Ring. Dieser beschert ihm zumindest ein paar Mal im Jahr einen ruhigeren Sonntag. Wenn die Boliden ihre Runden ziehen, findet kein Gottesdienst statt.

Dieser Text erschien in der Wiener Zeitung.

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