26 Tage Russland

An meinem ersten Abend in Russland sitze ich in einer kleinen Kellerbar im Zentrum von St. Petersburg. Unweit vom großen Petersburger Bahnhof, am breiten Ligovsky Prospekt, über einen unscheinbarer Hauseingang, hinter einer zunächst die Sicht versperrenden Säule vorbei, Treppen hinunter und durch einen kargen Innenhof, befindet sich die Fish Fabrique Nouvelle. Das nach Zusammenbruch der Sowjetunion besetzte Haus namens Puschkinskaya 10 beheimatet mittlerweile Kulturzentrum, Galerie und eben auch diese Bar. Die Gäste an der Theke trinken Jack Daniels mit einer Dose Cola, aus den Boxen dröhnt Punk und Rage Against The Machine. Im Hof haben sich mehrere kleine Grüppchen Menschen zum Rauchen versammelt. So auch Shenya, der dort auf sein Smartphone stiert und mit dem ich nach ein paar Floskeln ins Gespräch komme. Auf schlechtem Englisch tauschen wir die ersten Infos aus. Als ich sage, dass ich Journalist bin, kommen wir aufs russische Fernsehen zu sprechen: „When I watch Russian TV…“, sagt Shenya. Er packt zwei im Boden montierte Metallstangen mit beiden Händen und schlägt seinen Kopf andeutungsweise mehrmals dazwischen. Als „Bullshit“ bezeichnet er das, was er dort sieht. Shenya erzählt warum er keine Medien mehr konsumiert, aber auch von seiner Arbeit als Engineer und seinem Urlaub am weißen Meer. Später sitze ich mit ihm und ein paar anderen Gästen wieder drinnen an der Theke, in gebrochenem Englisch redet man über Belanglosigkeiten, Schimpfwörter werden beigebracht. Unvermittelt dreht sich auf einmal ein dürrer, junger Typ mit kurz geschorenen Haaren, der bisher kaum einen englischen Satz herausgebracht hat, um und fragt: „So… What do you think about Ukraine?” Nach kurzem hin-und-her-lavieren, es sei doch alles so kompliziert, beantwortet er die Gegenfrage ohne Zögern: „I think Ukraine is guilty.”

Das malerische Suzdal, das außer Kirchen vor allem eines zu bieten hat: Mehr Kirchen

Das malerische Suzdal, das außer Kirchen vor allem eines zu bieten hat: Mehr Kirchen

Im August dieses Jahres bin ich knapp vier Wochen durch Russland gereist. Von Sankt Petersburg fuhr ich mit dem Zug über insgesamt sechs Zwischenstopps bis nach Irkutsk, nahe dem Baikalsee. Es war ein kurzer Einblick, der mich immer wieder vor den Kopf stieß, manche Klischees bestätigten sich, manches wiederum überraschte mich. Den Großteil meiner Reise bestritt ich via Couchsurfing, nur in Sankt Petersburg, Nizhny Novgorod und Irktutsk schlief ich im Hostel. Wenn Petersburg aber zeitweise noch sehr europäisch wirkt mit seinen Kanälen und dem Prunkmuseum in der Ermitage – obwohl auch hier die High-Heel- und Muscle Car-Dichte im Vergleich zu Europa schon wesentlich gestiegen ist – so ist Moskau wieder ein anderes Kapitel. Und hatte ich in Sankt Petersburg als Hostel-Bewohner auch noch mehr Zeit mit anderen Touristen verbracht, verhielt sich das mit Couchsurfern bald auch etwas anders.

Wachablöse am Grabmal des unbekannten Soldaten iin Moskau

Wachablöse am Grabmal des unbekannten Soldaten in Moskau

Nachdem mich mein Host Sascha in Moskau an der U-Bahnstation Marina Roscha abgeholt hatte und wir zusammen zu einem kargen Wohnblock in einer ehemaligen Industriegegend gegfahren waren, nimmt er mich mit auf eine Autotour durch die Stadt. Hinter den Wohnblocks sind durch ein vergittertes Tor mit Umhängeschloss die frei stehenden Garagen zu erreichen. Sascha öffnet das Tor zu seiner Garage, enthüllt einen Mitsubishi-SUV und quittiert das mit den Worten: „In Russia, we like big cars.“ Die Tour ging vorbei an der Moscow City – einem Hochhauskomplex, der die üblichen Finanzdienstleister beherbergt – über eine Aussichtspunkt unweit der Moskauer Universität, auf der man neben dem Treiben einer Bikerparty das nächtliche Moskau überblicken konnte, über das Bolschoi Theater und den Roten Platz bis zum Moskauer Fernsehtrum. Bei jeder Station mussten wir aussteigen, als ich meine Kamera hervorholte, deutete mir Sascha, ihm den Apparat zu geben und mich in Pose zu werfen, mit den Worten „Give me, I’ll shoot you!“ Als ich auf der Rückfahrt Saschas Auto inspizierte und die in Russland üblichen auf der Motorhaube montierten Kameras bemerkte, sagt er dazu nur: „I’m IT-guy, I like to be surrounded by stuff.“

Bluterlöser-Kirche in St. Petersburg

Die Bluterlöser-Kirche in St. Petersburg

Sascha, Mitte 30, spricht gutes Englisch, hat selbst eine Zeit lang in Seattle gearbeitet, trinkt lieber Bourbon als Vodka, hat einen Stormtrooper, der größer ist als ich, in seinem Gästezimmer stehen, daneben hängt eine Ferrari-Flagge („Show me man who does not like Ferrari!“) und in seinem Küchenschrank steht ein How I met Your Mother-Glas. Aber wenn es um Superlative geht, hat doch immer wieder Russland das Beste zu bieten: Die schönsten Frauen, die schönsten U-Bahnen und was einem sonst so im Alltag begegnet. Darüber hinaus erzählt mir Sascha an einem der darauffolgenden Abend, an denen ich durch Moskau spaziert bin und mir den Kreml und die Nowaja Tretjakowskaja Galerie angesehen habe, er habe einen Artikel gelesen, in dem Ex-CIA Agenten zitiert werden, die behaupten, die über der Ukraine abgestürzte Malaysian Airlines Maschine, sei eben jene, die Monate zuvor über dem Indik verschwunden war. Sie sei dort von den US-Amerikanern gekidnappt und in der Ukraine platziert worden. Ich frage ihn, ob ihn dieser Artikel überzeugt hat. Klar, kein Zweifel, ein Freund habe ihn auf Facebook gepostet, ja, es sei zwar eine russische Seite, aber den Artikel finde man sicher auch auf englischen Nachrichtenportalen. Die USA als pop-kultureller Lieferant, ähnlich wie in Westeuropa, gleichzeitig aber als politischer Feind. Es ist eine zunächst paradoxe Sichtweise für mich, die mir auf meiner Reise oft begegnet, bis man sich eingesteht, dass die beiden Punkte nicht zwangsläufig für jeden etwas miteinander zu tun haben müssen. Und auch wenn Sascha meinte, das neue Einfuhrverbot auf Lebensmittel würde die russische Wirtschaft beleben, so sagte er doch auch, dass er sich Sorgen macht, dass Russland sich wieder abschottet.

Darf (neben einer Lenin-Statue und einem Denkmal für die Gefallenen des 2. Weltkriegs) in keiner größeren russischen Stadt fehlen: Die ewige Flamme  (hier in Nizhny Novgorod)

Darf (neben einer Lenin-Statue und einem Denkmal für die Gefallenen des 2. Weltkriegs) in keiner größeren russischen Stadt fehlen: Die ewige Flamme (hier in Nizhny Novgorod)

Mein Host in Yekaterinburg sprach wiederum kein einziges Wort über Politik. Der Grafikdesigner (ebenfalls namens Sascha) arbeitete von zu Hause aus in einem Vorort und hatte sich dort sein kleines Reich geschaffen. Als wir am ersten Tag nachmittags in seinem Haus ankommen, bietet er mir ein Glas Whisky an, sagt aber gleich darauf, er versuche, nicht allzu viel zu trinken, er präferiere Zigaretten. „Regular Cigarettes?“ – „No, not regular cigarettes.“ Er versorgt seine Nachbarn mit Glasfaserinternet über einen selbst auf aus Sowjetzeiten zurückgelassenen Wassertanks errichteten Sendemast, den wir eines Tages nach einem Gewitter wieder aufbauen müssen. Und da sein Haus noch im Entstehen begriffen ist, packen wir jeden Tag, wenn wir aus der Stadt heraus fahren, ein paar Säcke Zement ein, die die zwei tadschickischen Arbeiter, die in einem kleinen Bungalow neben dem Haus untergebracht sind, dann verarbeiten. Sascha war selbst schon viel gereist, arbeitet im Sommer als Hochzeitsfotograf in Thailand und war damit wohl ganz zufrieden, in einem ruhigen, kleinen Vorort zu leben, war damit scheinbar ziemlich im Einklang und hatte kaum Diskussionsbedarf, am allerwenigsten über sein Heimatland.

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Die (verhüllte) Jelzin-Statue in Jekaterinburg

Ab einem gewissen Punkt hörte ich aber auch selbst auf, auf meiner Reise zu sehr nach politischen Themen zu fragen und kam bald ganz passabel zu Recht, abgesehen davon, dass bessere Russischkenntnisse auf jeden Fall von Vorteil gewesen wären. Das war in Sankt Petersburg und Moskau noch in Ordnung und in Nizhny Novgorod, Kazan oder Yekaterinburg konnte ich mich zumindest soweit verständigen, dass ich mich zurecht fand. Wenn man aber – wie im Fall meiner letzten Reise zwischen Novosibirsk und Irkutsk – einzig und allein mit einer Ausgabe von Anna Karenina und des Harper’s Magazine eine 30-stündige Zugfahrt antritt in einem Waggon, der permanent von einem bescheidenen Duft von Instant Noodles geschwängert ist, und man in ebenjenem Waggon selbst nach einem Semester Russisch das Englisch der restlichen Gäste übertrifft, dann quält einem vor allem eines: Langeweile. Ich sitze in einem offenen Platzkart-Schlafwaggon, an einem Tisch mit einem bulligen Typen mit Glatze und Adidas T-Shirt. Kurz nach dem sich der Zug langsam in Bewegung gesetzt hat und wir noch kein Wort gewechselt haben, kippt er schon den ersten Schluck Rotwein aus seiner kleinen PET-Flasche in ein Kaffeehäferl während er Sonnenblumenkerne aus einem Plastiksäckchen knabbert. Ich frage mich kurz, ob er wohl der beste Mitreisende für eine 30-stündige Zugfahrt durch die russische Einöde sein würde, aber irgendwann kommen wir ins Gespräch, er fragt mich, was ich mache, ich sage Student, frage ihn, was er macht, er deutet in meinem Wörterbuch auf die Wörter „Heizer“ und „Kohle“, er heißt Jevgenij, (wieder) kurz Shenya. In der nächsten Stunde packt er noch eine Flasche Wodka und Met aus, beim nächsten Halt kauft er vier Liter Bier. Nachdem er mir zwei Stunden erfolglos versucht, mir mir anderen Fahrgästen das Kartenspiel Durak beizubringen, schläft er schließlich auf seinen Sitz ein, und ich gehe schlafen. Der nächste Tag gestaltet sich großteils ähnlich wie der vorige: Shenya sitzt mir gegenüber, ich schau ob Konversationsproblemen in mein Buch, er tippt mich an, hält seine Tasse so nah an mein Gesicht, dass ich sie nicht übersehen kann, dann schnippt er mit zwei Fingern gegen seinen gestreckten Hals – das Zeichen für trinken – ich lache, wir prosten und trinken.

Der Baikal-See

Der Baikal-See

In Irkutsk als letzten Stopp gibt es, auch wenn die Stadt für die meisten Reisenden auf der Transsib-Route der Zwischenstopp zwischen Moskau und Wladisowstok schlechthin ist, nicht viel zu sehen, einzig der Ausflug zum Baikal-See zahlt sich aus. An einem Tagesausflug schafft man es zwar nur nach Listjanka, einem winzigen Küstenort, der auf wenigen 100 Metern zwischen Küste und Berg zunächst den Charme einer Touristenhochburg an der Mittelmeerküste  versprüht. Wenn man aber das Örtchen ein wenig hinter sich gebracht hat hat und den See vor sich sieht, den man, würde man nicht in der Ferne vage Bergketten erkennen können, für ein Meer halten könnte, dann fragt man sich kurz, warum man sich nicht noch zwei Wochen nur für den Baikal reserviert hat.

Steigt man jedoch einige Tage später wieder in den Flieger und trifft am Moskauer Flughafen auch noch besonders ungute Securities und Personal, dann freut man sich für zumindest diesen einen Tag wieder auf die – im Vergleich – ausnehmende Gastfreundlichkeit der Wiener Kellner, die einen zumindest ansehen, wenn man etwas bestellt – auch wenn sie einen danach anschnauzen. Und weiß doch, dass man wieder kommen muss.

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