Der Preis der Echtzeit

Schnelligkeit ist Trumpf – und Gefahr.

Es war kein guter Tag für Fox News und CNN. Am 28. Juni 2012 entschied der US-amerikanische oberste Gerichtshof, ob das Herzstück der von Präsident Barack Obama geplanten Reform des Gesundheitssystems, auch „Obamacare“ genannt, verfassungskonform ist. Um 10:06 Uhr US-amerikanischer Zeit wurde das Urteil veröffentlicht. Nur Momente später lasen Reporter der TV-Sender Fox News und CNN – Flaggschiffe unter den US-Nachrichtensendern – vor der Kamera die ersten Seiten des Urteils und behaupteten on air: „Es ist verfassungswidrig.“ Einige Minuten später begannen sich dieselben Reporter zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Warum? Nun, hätten sie einige Seiten weiter gelesen und sich etwas mehr Zeit gelassen, hätten sie erkannt, dass Obamacare doch verfassungskonform ist. Aber diese paar Minuten waren ihnen zu lange. Am Ende standen sie nicht als die Schnellsten da, sondern als die, die von allen anderen ausgelacht wurden.

Wir befinden uns im Zeitalter der Echtzeit. Die Nachricht so unmittelbar und schnell wie möglich zu den Rezipienten zu bringen, war zwar immer schon ein Ziel der Medien – doch heute ist es mehr denn je verwirklicht. Das hat nicht zuletzt mit der technischen Entwicklung zu tun. Twitter war das erste soziale Medium, das alles auf Echtzeit setzte – und auf ganzer Linie gewann. Während Korrespondenten im arabischen Frühling noch ihre Quellen suchten oder die Kamera aufbauten, ergoss sich auf Twitter schon eine Flut an Augenzeugenberichten von „Citizen Journalists“ – Bürgerjournalisten. Somit stehen professionelle Journalisten was Geschwindigkeit anlangt nicht mehr nur in Konkurrenz mit Kollegen, sondern auch mit privaten Reportern.

Der französische Medienkritiker Paul Virilio sagte: „Wenn Zeit Geld ist, dann ist Geschwindigkeit Macht.“ Um diese Macht rittern beinahe alle Medien. Das übt einen nicht unerheblichen Druck auf Journalisten aus. Sie müssen nicht nur schnell, technikaffin und mit neuen Medien vertraut sein, sondern dabei all das auch noch kritisch durchschauen. Newsjunkies und Journalisten selbst waren wohl die ersten, die auf Echtzeit drängten. Mit der Zeit jedoch wurde die Neuerung vom Luxus zum Standard, zum Muss. Ein Muss, den auch der Otto Normalverbraucher nun haben will – nein – einfordert. Und dieser Trend wird die Zukunft der Medienwelt entscheidend mitprägen.

Heute produzieren auch Privatpersonen journalistischen Content. Diese Citizen Journalists, Blogger oder Kommentatoren können bedrohlich wirken, aber nur so lange man sie als Feinde ansieht. Versucht man jedoch, aus ihnen zu schöpfen und mit ihnen zusammen zu arbeiten, wird man schnell merken: Gut gepflegte Communities sind sehr dankbare Partner, mit denen man vielleicht auch dem Geschwindigkeitswahn ein wenig Einhalt gebieten kann.

Im Alltag werden Journalisten in Zukunft immer mehr abwägen müssen: Muss ich der Erste sein? Ist es das Risiko wert? Man wird nicht unbedingt immer den ersten Tweet schreiben müssen. Aber man wird wohl auf Twitter sein und ihn lesen müssen – und darauf reagieren. Durch die Echtzeit kämpfen Journalisten an mehreren Fronten, aber dabei ist Vorsicht gefragt – siehe Obamacare. Fox News und CNN haben an diesem Tag eine Lektion gelernt – und die anderen lernen hoffentlich von ihnen. Oder von ihren zukünftigen eigenen Fehlern.

Dieser Text erschien im trend/Bestseller Medien Spezial 2012.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s