Hinter der Siebzig-Euro-Linie

Das Billa-Eck – seit Inkrafttreten des Alkoholverbots im Jahr 2007 ist es ein sozialer Brennpunkt. Alkoholkonsum und Drogenhandel sind die ersten Dinge, die viele damit assoziieren. Anrainer, Polizei und Medien sprechen häufig von den Problemen. Aber wie sieht die Situation für direkt Betroffene aus? Und inwieweit würde die Ausweitung des Alkoholverbots daran etwas ändern?

Lukas* ist unsicher auf den Beinen. Er hat einen verschlafenen Blick und taumelt ein wenig. Es ist Mittag und Lukas „trocknet“ gerade am Grazer Hauptplatz. Einige Minuten zuvor steht Lukas noch mit einer kleinen Gruppe von Leuten vor der Fassade der Billa-Filiale um die Ecke. Auf dem Boden sieht er eine kleine rosarote Pille liegen. Er beugt sich und hebt sie auf. „Ich hab’ schon ewig nichts mehr gefunden“, sagt der junge Mann. Dann überlegt er kurz, ob er sich die Pille für später aufheben soll, steckt sich die nur wenige Millimeter Durchmesser große Tablette aber schließlich gleich in den Mund. „Jetzt trocknet er“, sagt ein älterer Freund von Lukas nun. „Das ist wie, wenn du was geraucht hast – deine Beine werden ganz weich und du driftest ein bisserl ab.“ – Anders gesagt: Die Wirkung des Schmerzmittels setzt jetzt ein. Lukas hat jetzt die Grenze des Alkoholverbots übertreten, hinter der er die Tablette zuvor vom Boden aufgelesen hat. Er gehört zu einer Gruppe von Menschen, die sich oft an diesem Platz – dem Billa-Eck – treffen und die viele Leute am liebsten von dort vertreiben würden.

Seit 2007 ist am Grazer Hauptplatz das allgemeine Alkoholverbot in Kraft. Außer an Marktständen, in Gastgärten und bei Veranstaltungen ist der Alkoholkonsum seitdem verboten. Damit hat man die „Punks“, die sich damals noch am Hauptplatz trafen, vertrieben. Hinter der Billa-Filiale an einer Ecke des Platzes hat sich aber eine neue Szene gebildet. In dieser wird nicht nur Alkohol getrunken, es werden auch Substitol und ähnliche Präparate konsumiert und gehandelt. Bürgermeister Siegfried Nagl denkt jetzt über eine Ausweitung des Verbots nach, auf das viele Anrainer pochen.

Selbst gezüchtet

Auch Franz* ist mehrmals die Woche hier. „Weil ich da Leute kenn’“, sagt er knapp. Der Mittdreißiger trägt eine schwarze Jacke und hat sich seine rot karierte Kapuze tief ins Gesicht gezogen. 15 Jahre lang war er heroinabhängig, im vergangenen Sommer hat er einen kalten Entzug gemacht – hat die Droge also abrupt vom einen auf den anderen Tag abgesetzt. Franz hat sich durch den Konsum mit Hepatitis C infiziert, an seinem eingefallenen Gesicht sieht man auch äußerlich die Wirkung der Drogen. „Aber es gibt viel Ärgere als mich“, beteuert er. Sechs Jahre war er schon einmal „komplett clean“. Dann kam bei einer Frühgeburt seine Tochter mit einer Behinderung zur Welt. „Da hat’s mich komplett runterg’haut“, sagt er. Jetzt erhält Franz Benzodiazepin, ein starkes Beruhigungsmittel, auf Rezept und wartet auf einen Therapieplatz. Er geht hart mit der Landespolitik ins Gericht. „Die haben sich das Drogenproblem selbst gezüchtet“, sagt er und kritisiert das Substitol-Programm des Landes. Substitol ist eine Ersatzdroge, die bei Opiatabhängigkeit eingesetzt wird. In der Steiermark kann es von Ärzten verschrieben werden, mittlerweile wird damit aber auch auf der Straße gehandelt, so auch am Billa-Eck. Für Franz ist der Ort aber vor allem ein Treffpunkt, wie er sagt. Er redet mit Bekannten, tauscht sich aus und trinkt zwei, drei Dosen Bier, aber er würde sich hier nie „richtig betrinken“, betont er, „weil dann gibt’s definitiv Troubles.“

Zwischen der Sparkasse im Grazer Rathaus und der Billa-Filiale gegenüber verläuft die Grenze, die Franz und seine Freunde vom Rest der Gesellschaft trennt. „Das ist die Siebzig-Euro-Linie“, sagt ein Mann mit dichtem Bartwuchs und langen, zusammengebundenen Haaren, während er auf das Blindenleitsystem deutet, das genau auf dieser Grenze verläuft. Wenn Franz hinter dieser Linie einen Schluck aus seiner Bierdose nimmt, muss er mit einer Anzeige der Ordnungswache rechnen – 70 Euro haben hier die meisten dafür gezahlt. Neben dem Hauptplatz sind auch das Univiertel und die Mondscheingasse teilweise vom Alkoholverbot betroffen. Die Ausweitung, die neben Nagl auch die FPÖ befürwortet, würde das Verbot auf die Herrengasse, die Landhausgasse, den Schlossbergplatz sowie den Tummelplatz und die Hans-Sachs-Gasse ausdehnen. VP-Gemeinderat und Pressesprecher im Bürgermeisteramt Thomas Rajakovics bestätigte, dass seine Partei diese Maßnahme beschließen will. „Wenn sie die Leute da vertreiben, treffen sie sich halt woanders“, sagt Franz dazu gleichgültig.

Gescheitert

Karl Heissenberger sieht das naturgemäß etwas anders. Er ist einer der Menschen, die das Billa-Eck von außen betrachten, einer der vielen Anrainer. Er führt mit seiner Frau ein Teefachgeschäft am Hauptplatz und bezeichnet die derzeitige Situation als „geschäftsschädigend“. „Selbstverständlich wird es zu einer Verschiebung kommen“, sagt aber auch er im Gespräch über eine Ausweitung des Alkoholverbots. Er sieht seine Aufgabe darin, auf das jetzige Problem aufmerksam zu machen. Heissenberger war bei mehreren Besprechungen mit anderen Anrainern und Politikern schon als Vertreter aktiv. „Wir lassen uns nicht von dieser kleinen Gruppe terrorisieren“, sagt er kämpferisch.

In denselben Besprechungen sitzt auch Inspektionskommandant Manfred Ambrosch, Leiter der Polizeiwachstube Schmiedgasse. Der hoch gewachsene Mann mit dem Schnurrbart und drei goldenen Sternen auf jeder Schulter seiner Uniform ist offener, als man sich einen Polizisten nach 37 Dienstjahren vorstellt. Mehrmals täglich beziehe die Wachstube das Billa-Eck in die Streifen mit ein, sagt er. Beim Alkoholverbot habe die Polizei aber gar keine rechtliche Handhabe, betont Ambrosch. „Dafür ist in erster Linie die Ordnungswache zuständig“, sagt er. Dann erzählt er mit Stolz von der Schwerpunktaktion vergangenen Sommer und zählt die knapp 200 Anzeigen und 390 Perlustrierungen auf. Ambrosch sagt, er sei zuversichtlich, dass eine Ausweitung des Alkoholverbots nützen würde, aber gibt sich dennoch skeptisch gegenüber einer Lösung der Grundproblematik. „Da kann man mit noch soviel Verboten kommen – dass sich die Szene irgendwo trifft, das ist so“, meint er. Ambrosch äußert sich auch, ähnlich wie Franz, kritisch gegenüber dem Drogenersatzprogramm des Landes. „Das trau ich mich offen zu sagen,“ meint er, „Das Substitolprogramm ist gescheitert.“ Der Inspektionskommandant sitzt in einer ExpertInnenkommission mit Sozialstadträtin Schröck und sozialen Einrichtungen und meint generell, dass das Sozialamt und soziale Stellen mehr gefordert seien: „Das Hauptproblem liegt ja im Vorfeld: Wie kommen die Leute dort hin?“ Als vor dem Alkoholverbot die Szene am Hauptplatz noch von den „Punks“ dominiert war, habe man die Situation eben durch derartige Prävention mit einem Sozialarbeiter schlussendlich sehr gut im Griff gehabt, meint Ambrosch.

Normale Menschen

Simon* ist einer der wenigen, der von damals in die heutige Szene übergetreten ist. Der gebürtige Wiener konsumiert nur Alkohol, „rauchen tu’ ich halt auch manchmal was“. Er wird zur Zeit von der mobilen Sozialarbeit betreut. Zwischendurch geht Simon in der Hans-Sachs Gasse schnorren und fragt die Menschen um ein wenig Kleingeld. Ob er heute noch Kontakt zu den Punks von damals hat? „Zu denen, die noch leben, schon“, sagt er beiläufig. Viele seien im Laufe der Zeit durch Drogenkonsum gestorben, manche begingen Selbstmord, erklärt Simon, der selbst an einer Depression leidet.

Franz trinkt jetzt noch ein Bier, lange wird er heute wohl nicht mehr hier bleiben. Er prostet einem etwas älteren Freund zu, der sich – wie viele andere hier auch – gerade in einem Drogenprogramm befindet. „Dass wir normale Menschen sind, dass Sucht eine Krankheit ist, das checkt keiner“, sagt dieser und schüttelt den Kopf.

*Namen auf Wunsch geändert

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s