Ein Interview mit Karim El-Gawhary

Karim El-Gawhary ist seit Anfang der neunziger Jahre als Nahost-Korrespondent aktiv. Er arbeitet für Medien wie den ORF, die deutsche taz oder die Presse, betreibt den Blog „Arabesken“ und ist auch auf Twitter und Facebook präsent. Ich hatte in meinem Studium die Gelegenheit, ihn mit meiner Kollegin Helena Zottmann und meinem Kollegen Roman Sommersacher zu interviewen. Ein Gespräch über den Stellenwert von Auslandsberichterstattung, die Rolle der sozialen Medien und darüber, warum Korrespondenten heutzutage nur mehr Feuerwehrmänner sind.

Karim El-Gawhary, Sie gelten als Musterbeispiel für die Verbindung von alten und neuen Medien. In Ihrem neuen Buch schreiben Sie aber, dass Sie erst vor kurzer Zeit damit begonnen haben, neue Medien zu nutzen. Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Karim El-Gawhary: Ich habe im Frühjahr letzten Jahres damit begonnen. Zuerst habe ich mich gewundert, was meine Kinder auf Facebook machen, und ihnen dabei ein bisschen über die Schulter geschaut. Motivierend war außerdem, dass neue Medien in einem Land wie Ägypten mittlerweile eine viel größere Rolle spielen, als beispielsweise hier in Österreich. Das Netzwerk der ägyptischen Blogs war auch eine interessante Quelle, um an Informationen zu gelangen. Für freie Journalisten ist es heute ganz wichtig, neue Technologien zu nutzen, um jenseits von einem bestimmten Medium, bei dem man arbeitet, individuell zu einer Marke im Internet zu werden. Das große Problem ist allerdings, dass man dabei keinen Cent verdient.

Wie haben Sie es geschafft, in diesem Bereich so schnell Fuß zu fassen?

El-Gawhary: Ohne den arabischen Frühling wäre es in dieser Form natürlich nicht möglich gewesen. Wichtig ist, eine Regelmäßigkeit beizubehalten. Kein Mensch besucht einen Blog, der nur einmal in der Woche aktualisiert wird. Man muss eine Mischung finden: Auf der einen Seite seine Arbeit präsentieren, und auf der anderen Seite die Menschen auch hinter die Kulissen der Arbeit blicken zu lassen, damit man als Journalist anfassbar wird, und die Leute sich vorstellen können, wie diese Arbeit von statten geht.

Der Wert der Auslandsberichterstattung hat in den letzten zwanzig Jahren kontinuierlich abgenommen.

Glauben Sie, dass es gerade für Auslandskorrespondenten noch wichtiger ist, auf solche Mittel zurückzugreifen? Schließlich ist die Distanz zu den „Konsumenten“ doch generell recht weit.

El-Gawhary: Es spielt sicherlich eine Rolle. Bis dato hat man eher in ein schwarzes Loch hinein gearbeitet. Man hat Texte und Beiträge geliefert, und eigentlich nur Feedback bekommen, wenn etwas schlecht gelaufen ist. Gerade über Facebook lässt sich jetzt ein direkterer Bezug zu meinen Lesern herstellen. Außerdem kann man dadurch ein viel jüngeres Publikum erreichen. Das durchschnittliche Alter eines „Zeit im Bild“ Zusehers ist beispielsweise über 55 Jahren.

Bei vielen ZIB-Schaltungen nach Kairo hat man gemerkt, dass Sie sehr emotional über die Geschehnisse berichtet haben. Denken Sie, dass es als Auslandskorrespondent wichtig ist, dem Bericht eine emotionale Note mitzugeben?

El-Gawhary: Es hängt von der Geschichte ab. Man kann nicht jede Geschichte emotional erzählen, aber ich glaube, dass sich guter Journalismus sich mit den Menschen beschäftigt. Wenn es etwa eine Krise gibt, sollte man nicht über die Krise an sich berichten, sondern über die Menschen, und wie sie damit umgehen. Solche Geschichten bleiben dem Zuseher länger im Gedächtnis.

Man muss als Journalist anfassbar sein.

Sie sind mittlerweile seit über zwanzig Jahren als Auslandskorrespondent aktiv. Wie hat sich Ihre Arbeit in dieser Zeit verändert?

El-Gawhary: Vor allem die Technologie hat sich weiterentwickelt. Als ich zu arbeiten begann, gab es noch kein Internet und keine Satellitentelefone die einen dazu zwingen, 24 Stunden am Tag erreichbar zu sein. Es waren vollkommen andere Arbeitsbedingungen. Außerdem hat sich der der Stellenwert der Auslandsberichterstattung verändert. Dieser ist in den letzten zwanzig Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Die Ausnahme dabei stellt natürlich dieses Jahr dar, mit der Arabischen Revolution und den Vorkommnissen in Japan. Generell wurde die Auslandsberichterstattung allerdings immer mehr zur Seite gedrängt. Wir Auslandskorrespondenten sind eigentlich nur mehr eine Art Feuerwehrmänner. Wir laufen aktuellen Events hinter her, führen keine wirklich kontinuierliche Berichterstattung mehr durch.

Warum glauben Sie, dass sich dieser Trend entwickelt hat? Sind die Leute nicht mehr so sehr an Außenpolitik interessiert?

El-Gawhary: Ich glaube nicht, dass die Menschen nicht mehr daran interessiert sind. Vielmehr sind die Redaktionen nicht mehr so sehr daran interessiert. Das könnte auch damit zu tun haben, dass die Leute, die in Redaktionen aufsteigen und Führungsrollen bekleiden, normalerweise aus der Innenpolitik kommen. Dies führt dazu, dass die Außenpolitik wie ein Stiefkind behandelt wird. Meine Facebook-Seite ist dennoch die zweitbeliebteste Seite eines deutschsprachigen Journalisten. Das lässt mich erkennen, dass sehr wohl eine Nachfrage nach diesen Themen vorhanden ist. Wichtig ist, dass man es schafft, die Berichterstattung nahe an die Leute zu bringen, und ein Thema nicht als exotisch darzustellen. Die besten Geschichten sind jene, wo sich die Menschen in Österreich fragen: „Wie würde ich mich jetzt in dieser Situation verhalten?“

Sie haben gesagt, dass man als Journalist versuchen sollte, im Internet zur Marke zu werden. Denken Sie, dass soziale Medien zumindest indirekt als Einnahmequelle funktionieren können?

El-Gawhary: Das kann man hoffen. Aber das große Problem vor dem wir heute stehen ist, dass immer mehr ins Internet abwandert, weg von Zeitung und Fernsehen. Und dass noch niemand den Schlüssel gefunden hat, wie man durch das Bereitstellen von Informationen im Internet Geld verdienen kann. 

Momentan gibt es verschiedene Initiativen, auf freiwilliger Basis für Blogs zu bezahlen. Sehen Sie das als Möglichkeit für die Zukunft?

El-Gawhary: Bisher funktioniert es nicht. Ich glaube das ganze Thema wird dann wieder aktuell, wenn es zu neuen, technologischen Schüben kommt. Eine Möglichkeit sind beispielsweise die vielen Applications die derzeit auf den Markt kommen. Dies könnte  eine erneute Einführung des Geldes für Informationen durch die Hintertür sein. Und das wird mit Sicherheit nicht die letzte technische Neuerung sein. 

Die arabische Welt wird Europa noch lange beschäftigen.

Die New York Times hat für ihre Online-Ausgabe vor einiger Zeit ein Zahlsystem eingeführt. Halten Sie so etwas für sinnvoll?

El-Gawhary: Im Internet hat sich eine Kultur breit gemacht hat, in der man nicht mehr bereit ist, für etwas zu zahlen. Sollten jetzt einige Medien versuchen, etwas gegen diese Kultur zu unternehmen, booten sie sich letztendlich wohl selbst aus. Dann wandern die Kunden einfach auf eine ähnliche Seite, auf der die Informationen immer noch kostenlos sind. Man kann nur auf einen neuen technologischen Schritt hoffen, bei dem man dann vom Nullpunkt an Einigkeit zeigt und für gewisse Dinge Geld verlangt.

Medial ist der Höhepunkt der Arabischen Revolution – zumindest in Ägypten – überschritten. Sind Sie froh, dass die Zukunft für Sie etwas gemächlicher ablaufen dürfte, oder haben Sie Angst, dass Ihnen in ein paar Monaten schon wieder langweilig sein könnte?

El-Gawhary: Also, dass der Höhepunkt medial überschritten ist, glaube ich nicht. Da würdest Du dich noch wundern. Dieses Thema wird uns noch in großem Maße beschäftigen. Jetzt haben wir nämlich ein riesengroßes politisches Vakuum und die Frage ist, wie dieses Vakuum gefüllt wird. Die zweite offene Frage ist, was mit den Aufständen in Syrien geschehen wird. Was passiert in den Ländern der arabischen Welt, in denen noch gar nichts passiert ist? Beispielsweise in Saudi Arabien. Wie wird das Verhältnis zu Israel und Europa neu geschrieben? Darum bin ich sicher, dass die arabische Welt Europa medial noch sehr lange beschäftigen wird. Der Sturz einer Diktatur ist nicht der Endpunkt des Wandels, sondern erst der Anfang.

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