Ein Gespenst geht um in Graz

Seit über zehn Jahren führt der Schauspieler Stefan Tschida in seinem Ghost Walk of Graetz mit Schauergeschichten durch die Grazer Innenstadt. Ein Blick auf die Geschichten und den Mann dahinter.

Es ist acht Uhr abends am Freitag, dem 13. Mai 2011. Langsam beginnt es zu dämmern. Ein ganz in schwarz gekleideter älterer Mann mit langem Umhang, einem altertümlichen runden Hut auf dem Kopf und einer kupfernen Laterne in der Hand betritt den Grazer Franziskanerplatz. Seine langen lockigen Haare fallen ihm über die Schultern, sein schon von grauen Fäden durchzogener dichter Bart erstreckt sich weit über seine breiten Backen und den Bereich zwischen Mund und Nase. Als die Menschen, die auf ihn gewartet haben, den Mann entdecken, folgen sie ihm zu einem kurzen Arkadengang. Dort bleibt der Mann abrupt stehen und dreht sich um. „Kommen Sie ruhig näher, ich beiße nicht!“, sagt er zu den Leuten. „Noch nicht.“

Ghost Walker Stefan Tschida

Ghost Walker Stefan Tschida

Der Schauspieler und Autor Stefan Tschida veranstaltet das ganz Jahr über dreimal die Woche den „Ghostwalk of Graetz“. Dabei führt er die Menschen in seinem Kostüm durch die Grazer Innenstadt und erzählt ihnen an verschiedenen Stationen seine mehrere Jahrhunderte alten Horrorgeschichten. Ein Hofbäcker ermordet seine unliebsame Frau und verfüttert sie in Form von Semmeln und Kipferln an seine Kunden. Zwei Brüder finden ein verhextes Buch, das einem von ihnen beim Lesen das Herz herausspringen lässt. Und zwei Schwestern rauben regelmäßig Reisende aus, um diese schließlich zu Schlachtplatten zu verarbeiten.

Im Interview reagiert Tschida auf die Frage, wie viel Wahres in seinen Geschichten steckt, erschrocken. „Wollen Sie sagen, dass ich lüge?“, fragt der 53-jährige, ganz in seiner Rolle verharrend. Bei inhaltlichen Fragen zum Ghost Walk hört er sich sowieso oft an wie der mittelalterliche Stadtführer, der er vorgibt zu sein.

Angefangen hat alles im Jahr 2000. Nachdem ihm ein Bekannter damals von einer „Ghost Hunt“ – einem ähnlichen Konzept – erzählte, die er im englischen York gesehen hatte, wollte Tschida etwas Ähnliches in Graz machen. Er begann zu recherchieren, suchte alte Aufzeichnungen und baute sich daraus seine Geschichten. „Es ist aber schon auch ein bisschen Sterndeuterei dabei“, sagt Tschida. Vor allem will er aber Zeitcouleur transportieren, schließlich wisse heutzutage doch kein Mensch mehr, wie die Leute vor 50 – geschweige denn vor 500 – Jahren gelebt hätten.

Während des anderthalbstündigen Spazierganges mit etwa fünf Zwischenstopps erzählt Tschida seine Geschichten mit vollem Einsatz. Seine Stimme variiert von flüsternd bis schreiend und mit seinen Armen fuchtelt er zeitweise wild herum. Die knapp zwanzig Leute, die ihn heute begleiten sind großteils Frauen, bis auf eine Handvoll Teenager sind die meisten zwischen 40 und 60 Jahren alt. Eine Frau verrät Tschida, sie sei heute bereits das dritte Mal dabei. Während die Zuseher lachen, versucht Tschida auch mit Ihnen zu interagieren. Und dabei will er sie manchmal durchaus provozieren. „Sie sollten wohl einmal einen Medicus aufsuchen!“, meint er zu einem älteren Mann, als dieser ihm auf seine Fragen keine Antwort geben will.

Bevor er zur Schauspielerei kam, war Stefan Tschida Software Engineer. „Ich dachte mir dann aber: Da muss es noch mehr geben“, kommentiert er seinen Berufswechsel. Er begann, neben dem Beruf Schauspielunterricht zu nehmen und macht den Ghost Walk heute hauptberuflich. Daneben schreibt er noch Kinderbücher, die er über seine Homepage verkauft, die Nachfrage hält sich aber in Grenzen, wie er verrät. Mittlerweile ist der gebürtige Niederösterreicher mit seiner Frau in die Oststeiermark gezogen, wo die beiden auf einem Bauernhof wohnen. Seine „persönliche Osterweiterung“ nennt er diese Entscheidung. Das mit den Geschichten begann schon in seiner Kindheit, sagt Tschida. Seine Großmutter erzählte ihm als Bub immer Geschichten, um ihm beim Einschlafen zu helfen. Als er älter wurde, fing er an, selbst welche zu erfinden, wenn er nicht schlafen konnte. „Und irgendwann wurden aus den Nachtträumen dann Tagträume“, sagt er.

Während des Ghost Walks sagt Tschida immer wieder Dinge, die man durchaus als politische Statements werten könnte. Gedankenanstöße sind ihm wichtig, meint er, weil man von der Geschichte lernen kann. „Wenn man weiß, was die Vergangenheit bedeutet, kann man auch die Gegenwart besser verstehen“, sagt er.

Seine letzte Station findet der Ghost Walk am Ende der steilen Sporgasse mit einer Geschichte über ein altes Studentenlokal. Danach bedankt sich Tschida noch einmal bei den Teilnehmern, teilt seine Visitenkarten aus und lässt die Leute applaudieren. Dann dreht er sich um und verschwindet mit wehendem Umhang und schnellen Schrittes in der Grazer Nacht. Ganz wie ein richtiges Gespenst.

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