Bitte jetzt empören

Kaum, dass wir den „kommenden Aufstand“ hinter uns haben, steht uns schon das nächste Pamphlet ins Haus. „Empört euch!“, oder im französischen Original „Indignez-vous!“ ist ein schmales Büchlein von Stéphane Hessel, seines Zeichens unter anderem ehemaliger Widerstandskämpfer, Mitarbeiter bei der Erstellung der internationalen Erklärung der Menschenrechte und französischer Diplomat. Als ich zum ersten Mal von dieser Protestschrift gehört hatte, habe ich mich gefragt, was an diesem kaum 15 Seiten langen Text des 93 Jahre alten Herrn Hessel so aufregend ist, mittlerweile wurden schließlich schon fast 1 Million Stück davon verkauft.

Bitte jetzt empören

Weg der Gewaltlosigkeit

Wie schon „Der kommende Aufstand“ stammt „Empört euch!“ ebenfalls ursprünglich aus Frankreich und vertritt politisch linkes Gedankengut. Da enden die Gemeinsamkeiten dann aber auch schon wieder. Während das „unsichtbare Komitee“, wie sich die Verfasser des kommenden Aufstandes nennen, in ihrem Buch oftmals Worte wie „Bullen“ und „Fresse“ in recht eindeutiger Weise in Phrasen einbinden und einen radikalen Abgesang auf die gesamte westliche Gesellschaft anstimmen, legt Hessel einen wesentlich gemäßigteren Ton an den Tag und spricht von einem “Weg der Gewaltlosigkeit.”

Bitte jetzt empören

Autor Stéphan Hessel

Der Autor hat ein bewegtes Leben hinter sich. 1917 in Berlin geboren zogen seine Eltern später nach Frankreich, wo er die französische Staatsbürgerschaft annahm. Im zweiten Weltkrieg flüchtete er nach London, schloss sich der Résistance an und wurde bei einem Einsatz in Frankreich von der Gestapo verhaftet. Er überlebte das Konzentrationslager Buchenwald und arbeitete nach dem Krieg als französischer Diplomat. Außerdem war er im Dienst der Vereinten Nationen und dabei auch Mitglied der Kommission, die die allgemeine Erklärung der Menschenrechte formulierte.

Wozu empören?

Und jetzt verfasst also dieser umtriebige, aber mittlerweile doch recht betagte Akteur des politischen Geschehens im Europa des vergangenen Jahrhunderts an seinem Lebensabend ein Manifest über die heutige Gesellschaft und wie wir mit ihr umgehen sollen. Empörung ist für ihn dabei, wie der Titel schon sagt, das essenzielle Schlagwort. Zu diesem Schluss kam etwa auch Robert Misik in seinem Video-Blog. Hessel wünscht „jedem Einzelnen […] einen Grund zur Empörung. Das ist kostbar.” Und weiter sagt er: “Wenn man sich über etwas empört […] wird man aktiv, stark und engagiert.“ Hessel sagt aber auch, dass die Empörung schließlich zur Tat führen soll. Abgesehen von dieser, nunja, ziemlich allgemein formulierten Botschaft blickt Hessel zurück auf die Zeit des Nationalsozialismus, im Speziellen in Frankreich, und geht kurz auf seine philosophischen Einflüsse von Sartre und Hegel ein.

Hessel selbst empört sich laut dem Text etwa über die Schere zwischen arm und reich, den Zustand unseres Planeten und die Palästina-Frage. Das ist wohl auch das kontroversiellste Thema des Buches, das auch von der ZEIT aufgegriffen wurde. Der Autor kritisiert Israel und meint an einer Stelle etwa, dass es “angesichtes der Verzweiflung der Menschen im Gaza-Streifen leider verständlich” ist, dass die Hamas Raketen auf Sderot abfeuert. Abgesehen von den restlichen Themen und Allgemeinplätzen des Buches also eine Aussage, die wohl viele scharf kritisieren werden.

Fazit

Nonanet wird wohl niemand in diesem Text die Erleuchtung finden, denn wirklich revolutionäre Thesen gibt der alte Mann keine von sich, auch nicht allzu radikale. Wenn eine breite Gesellschaft aber einmal ein bisschen mehr über ihre Umwelt nachdenkt und sich darüber empören kann, ist das sicher nicht das Schlechteste, das uns passieren kann.

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