So wahr sie Gott helfen

Ausländische Priester sind in keiner Diözese eine Seltenheit, die Herausforderungen der Kirche können sie aber nur kurzfristig lösen.

An einem kalten Dezembermorgen schlängelt sich ein Auto nach dem anderen auf den Parkplatz des Formel-1-Rings in Spielberg. Dabei liegt der Ring heute still, die Anreisenden wollen ganz woanders hin. Durch einen Tunnel unter der Rennstrecke hindurch und einen Serpentinenweg den Hang hinauf gelangen sie zur Pfarre Schönberg ob Knittelfeld.

In der kleinen Kapelle mit Zwiebeltürmchen steht Pfarrer Bartlomiej Lukasz Wojtyczka hinter dem Altar. Um 8.30 Uhr in der Früh haben sich rund 50 Gläubige in der Kirche eingefunden und lauschen seiner Predigt. Lediglich die beheizten Sitzauflagen helfen, der Kälte zu trotzen. Dann kommen die Fürbitten: “Wir bitten für die beiden Präsidentschaftskandidaten, für die Wähler und für die Menschen, die mit der Durchführung der Wahl beauftragt sind”, sagt Wojtyczka ernst. “Wir bitten dich, erhöre uns!”, antwortet die Gemeinde.

Wojtyczka stammt ursprünglich aus Katowice, hat sich aber in den vergangenen 15 Jahren in Österreich eingelebt. Er ist keine Ausnahme: In den Diözesen und Orden Österreichs spielen ausländische Priester eine wichtige Rolle. In manchen Gemeinden ist es eine willkommene Hilfe, um die Arbeit der Pfarren zu erfüllen, andere sagen, die Kirche als internationale Organisation lebe schlichtweg vom Austausch. Eines jedoch ist klar: Würden die nicht aus Österreich stammenden Priester gemeinsam ihre Koffer packen, hätten viele Gemeinden ein Problem. Continue reading

paroli und der Cartellverband

Es war Frühjahr 2014. Vor mehr als einem halben Jahr begann die Arbeit an einem der größten Projekte von paroli bisher: Wir wollten eine Geschichte über den Österreichischen Cartellverband produzieren und zwar eine Geschichte, die diesen Verband katholischer Studentenverbindungen durchleuchtet, mit Vorurteilen aufräumt und die tatsächliche Macht des Netzwerkes darstellt. In einem Kernteam von einer Redakteurin und vier Redakteuren analysierten wir, wo Mitglieder in einflussreichen Positionen sitzen, welche Werte hinter dem Verband stehen, wo er her kommt und wo er vielleicht in Zukunft hingehen wird. Wir hackten wochenlang Tabellen in unsere Laptops, sprachen mit Mitgliedern, Aussteigern, Politikern, Repräsentanten des Verbands, aber auch mit Kritikern. Continue reading

26 Tage Russland

An meinem ersten Abend in Russland sitze ich in einer kleinen Kellerbar im Zentrum von St. Petersburg. Unweit vom großen Petersburger Bahnhof, am breiten Ligovsky Prospekt, über einen unscheinbarer Hauseingang, hinter einer zunächst die Sicht versperrenden Säule vorbei, Treppen hinunter und durch einen kargen Innenhof, befindet sich die Fish Fabrique Nouvelle. Das nach Zusammenbruch der Sowjetunion besetzte Haus namens Puschkinskaya 10 beheimatet mittlerweile Kulturzentrum, Galerie und eben auch diese Bar. Die Gäste an der Theke trinken Jack Daniels mit einer Dose Cola, aus den Boxen dröhnt Punk und Rage Against The Machine. Im Hof haben sich mehrere kleine Grüppchen Menschen zum Rauchen versammelt. So auch Shenya, der dort auf sein Smartphone stiert und mit dem ich nach ein paar Floskeln ins Gespräch komme. Auf schlechtem Englisch tauschen wir die ersten Infos aus. Als ich sage, dass ich Journalist bin, kommen wir aufs russische Fernsehen zu sprechen: „When I watch Russian TV…“, sagt Shenya. Er packt zwei im Boden montierte Metallstangen mit beiden Händen und schlägt seinen Kopf andeutungsweise mehrmals dazwischen. Als „Bullshit“ bezeichnet er das, was er dort sieht. Shenya erzählt warum er keine Medien mehr konsumiert, aber auch von seiner Arbeit als Engineer und seinem Urlaub am weißen Meer. Später sitze ich mit ihm und ein paar anderen Gästen wieder drinnen an der Theke, in gebrochenem Englisch redet man über Belanglosigkeiten, Schimpfwörter werden beigebracht. Unvermittelt dreht sich auf einmal ein dürrer, junger Typ mit kurz geschorenen Haaren, der bisher kaum einen englischen Satz herausgebracht hat, um und fragt: „So… What do you think about Ukraine?” Nach kurzem hin-und-her-lavieren, es sei doch alles so kompliziert, beantwortet er die Gegenfrage ohne Zögern: „I think Ukraine is guilty.”

Das malerische Suzdal, das außer Kirchen vor allem eines zu bieten hat: Mehr Kirchen

Das malerische Suzdal, das außer Kirchen vor allem eines zu bieten hat: Mehr Kirchen

Im August dieses Jahres bin ich knapp vier Wochen durch Russland gereist. Von Sankt Petersburg fuhr ich mit dem Zug über insgesamt sechs Zwischenstopps bis nach Irkutsk, nahe dem Baikalsee. Es war ein kurzer Einblick, der mich immer wieder vor den Kopf stieß, manche Klischees bestätigten sich, manches wiederum überraschte mich. Den Großteil meiner Reise bestritt ich via Couchsurfing, nur in Sankt Petersburg, Nizhny Novgorod und Irktutsk schlief ich im Hostel. Wenn Petersburg aber zeitweise noch sehr europäisch wirkt mit seinen Kanälen und dem Prunkmuseum in der Ermitage – obwohl auch hier die High-Heel- und Muscle Car-Dichte im Vergleich zu Europa schon wesentlich gestiegen ist – so ist Moskau wieder ein anderes Kapitel. Und hatte ich in Sankt Petersburg als Hostel-Bewohner auch noch mehr Zeit mit anderen Touristen verbracht, verhielt sich das mit Couchsurfern bald auch etwas anders. Continue reading

Alpbach: Eine Bilanz

“I hate it. But I love it”, so drückte ein Mitglied der Alpbach Media Academy seine Enttäuschung und gleichzeitige Begeisterung über eine Grafik aus, die gerade vor ihm auf seinem Bildschirm flimmerte. Und es ist auch eine gute Bilanz der drei Wochen, die ich in der Media Academy verbracht habe. Trotz des Stresses, trotz aller Widrigkeiten, oftmals wenig Vorbereitungszeit und anfänglich konfuser Strukturen, ist es eine Erfahrung, die ich keinesfalls missen möchte.

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Eine Woche Alpbach

Seit einer Woche verbringe ich meine Tage und Abende am Europäischen Forum Alpbach. Wie ich dort hingekommen bin? Gegen Ende meines Journalismus-Studiums hat mein Professor Thomas Wolkinger mich und meine Kollegin Katrin Nussmayr für die heuer zum ersten Mal stattfindende Alpbach Media Academy nominiert. Wir berichten 24/7 über das Forum in einer kleinen Printpublikation und online

Aber erst einmal zum Forum selbst. “The European Forum Alpbach (EFA) is an interdisciplinary platform for science, politics, business and culture. Established in 1945, the annual European Forum Alpbach and our events throughout the year address the relevant socio-political questions of our time”, ist die offizielle Version. Soviel zu den Basics. Aber wie sieht das in der Praxis aus? Continue reading

Bretter, die kein Geld bedeuten

Heißen österreichische Schauspieler nicht Christoph Waltz, findet man sie oft unter der Armutsgrenze. Ihr Drama handelt von leeren Theaterkassen, Billigverträgen und Gesetzesbruch.

Es ist sein Satz, sein großer Auftritt. »Sie hat den Brief zerrissen von Ricardo.« Er murmelt den Satz vor sich hin, immer wieder, mal nachdenklich, mal überzeugt und schließlich voller Inbrunst, mit ausgestrecktem Zeigefinger in die Ferne deutend: »Sie hat den Brief zerrissen von Ricardo!« Es sind die einzigen Worte, die ihm der Regisseur zuerkannt hat. Er muss den Satz perfekt rüberbringen, dann wird es vielleicht der, der seine Karriere in Schwung bringt; der Satz, von dem er einmal sagen wird können, er habe sein Leben verändert.

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Der Preis der Echtzeit

Schnelligkeit ist Trumpf – und Gefahr.

Es war kein guter Tag für Fox News und CNN. Am 28. Juni 2012 entschied der US-amerikanische oberste Gerichtshof, ob das Herzstück der von Präsident Barack Obama geplanten Reform des Gesundheitssystems, auch „Obamacare“ genannt, verfassungskonform ist. Um 10:06 Uhr US-amerikanischer Zeit wurde das Urteil veröffentlicht. Nur Momente später lasen Reporter der TV-Sender Fox News und CNN – Flaggschiffe unter den US-Nachrichtensendern – vor der Kamera die ersten Seiten des Urteils und behaupteten on air: „Es ist verfassungswidrig.“ Einige Minuten später begannen sich dieselben Reporter zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Warum? Nun, hätten sie einige Seiten weiter gelesen und sich etwas mehr Zeit gelassen, hätten sie erkannt, dass Obamacare doch verfassungskonform ist. Aber diese paar Minuten waren ihnen zu lange. Am Ende standen sie nicht als die Schnellsten da, sondern als die, die von allen anderen ausgelacht wurden. Continue reading

Forever War

Sometimes you get your hands on special books. Books that are written in a crude and down to earth way, far from being blasé and still they just won’t let go of you anymore. “The Forever War” written by New Yorker journalist and former New York Times writer Dexter Filkins happens to be one of those for me.

First of all – the book was published in 2008 which makes it not completely current anymore, but I still want to deal with it, because it really gives you some new angles on war journalism and the wars in Afghanistan and Iraq.

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Norwegians 2/2

For the second part of my mini-interview series (you can listen to part one here) I chatted with two more people living in Norway and once again asked them some questions about themselves, about Norway and about Austria.

Jørgen Mo

Jörgen

Jørgen, who is also studying Media and Communication (when he’s not just working out in the gym), talks about moving away, the social lubrication some Norwegians might need and scores best in the Austria-quiz.

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Norwegians 1/2

I already wrote two blog entries about Norway and about studying here in Oslo. But at one point I got tired of trying to depict a country I have only lived in for a few months in my own words, so I thought it would make more sense to let some Norwegians (and one almost-Norwegian) talk about Norway themselves. And what better day to put the first two interviews up here than the 17th of May, Norway’s national holiday?

I talked with Yngvild, Magnus, Berit and Jørgen about what they currently do, what they think about Norway and last but not least what they think or know about Austria, since that’s the country I was born and raised in. And since audio interviews with Norwegians don’t really work in German, this is at the same time my first blog post in English. The second two interviews will be released next sunday, since I don’t want to put too much content on here at one point.

Yngvild Skaarkaas

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Yngvild explains why Norway is “so awesome”, why some Norwegians could be a bit more sympathetic and she insults the Austrian dairy industry.

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